1. Kapitel Unser Name
Vom Ortsnamen zum Familiennamen
Auch unser Name ist ein Ortsname. Bangert heißt Baumgarten. Dem Sinne nach wie die Wissenschaft lehrt, ein Obstbaumgarten (vgl. Kluge: Ethmologisches Wörterbuch der deutschen Sprache). Zur Zeit des Mittelhochdeutschen (etwa von 1100 bis 1400, 1500) hieß das Wort boumgarte. Es schrumpfte nach und nach zusammen zu Bâmgart, Bângart, Bangert. Doch ist diese Form für unser niederdeutsches Geschlecht nicht die ursprüngliche, vielmehr müßte unser Name, wenn er unverändert geblieben wäre, Bomgarden heißen.
Das Stammgehöft in Sudeck hieß in der Tat bis gegen 1500 hin Bomgarden, wie sich aus einer im Marburger Staatsarchiv aufbewahrten Akte ergab: Im Flechtdorfer Zehntregister von 1481 findet sie sich noch. Die ältesten Namensträger wurden schon um 1483 in Sudeck aufgezeichnet.
Der Übergang von der Form Bomgarden zu Bangert muß sich zwischen 1481 und 1532 vollzogen haben, abgeschlossen ist er aber erst 1560, denn 1532 nennt sich unser Ahn schon (und noch): Ich, Johann in dem Bangerde, 1551 ist diese Form schon zusammengeschrumpft zu Johann im Bangerden, und 1560 heißt es endlich Johann Bangert.
Die Urkunde von 1481 gibt also den Hofnamen, der hernach Familienname wurde, noch in plattdeutscher (niedersächsischer, westfälischer) Form, 1532 ist der Name schon verhochdeutscht, er bleibt ähnlich auch 1551 (In beiden Formen tritt die alte Ortsbezeichnung noch scharf hervor), hat aber seine Entwicklung erst 1560 beendet und steht seit diesem Jahre, seit 1560, für alle ferneren Jahrhunderte bis in die Gegenwart hin fest als Bangert.
(Die holländischen Boomgaarde, die rheinländischen Bongard und Bongert haben mit uns nichts zu tun, auch die Pfälzer Bangertgruppe nicht. In der Pfalz ist der Name ebenso selbstständig erwachsen, wie der unsre, nur bildete dort die mittelhochdeutsche Form die Grundlage, schloß also eine plattdeutsche Grundform aus.)
Das Zehntregister von 1481
Das alte Zehntregister von 1481 erfordert noch eine zweite Auseinandersetzung. Es hatte damals aus Sudeck an das Kloster Flechtdorf (außer andern Hofbesitzern) zu liefern: "gotte edinchusen de curia dicta bomgarden"; das heißt wörtlich übersetzt: "Gotte Edinchusen von dem Hof, genannt Bomgarden (Curia heißt ursprünglich Geschlecht, später erweiterte sich der Begriff: Sitz des Geschlechts, Versammlungsort, Rathaus, Amtsitz. Alles das kann man unter Kurie verstehen (vgl. Päpstliche Kurie).
Unter die Erweiterung des Begriffes fällt es auch, wenn Klöster die ihnen zinspflichtigen Höfe als Kurien bezeichnen. Wollte man die Urbedeutung des Wortes curia anwenden, so hätte man zu übersetzen: "Gotte G. von dem Geschlecht, welches Bomgarden genannt wird". Gotte ist eine Zusammenschrumpfung des Rufnamens Godbert, Gotthard, Gottfried oder so ähnlich. In Waldeck ist Gotte oder Götte das bekannte Wort für Pate. So könnte man auch hier wieder fragen: Ist Gotte ein Vorname oder heißt es Pate?
In letzterem Falle käme ein ganz anderer Sinn heraus: Dann wäre Gotte G. derjenige im Kloster, an den zu liefern wäre. Aber das ist ausgeschlossen.)
Hofname und Herkunft
Hieraus ergibt sich folgendes: Es ist möglich, daß unser Geschlecht vor 1500 Edinchusen hieß, und daß dieser Name allmählich von dem Hofnamen verdrängt wurde, wie das im Westfälischen in alter Zeit nicht selten vorkam. Es kann auch sein, daß Johann (1490-1571) -- aus Sudeck selbst oder aus allernächster Nachbarschaft stammend -- sich in das Bomgardengehöft einheiratete oder es kaufte. Die letzten beiden Möglichkeiten scheinen die nächstliegenden zu sein. Und doch neige ich der ersten zu.
In den Klosterverzeichnissen wird zwar der ursprüngliche Name notiert, ganz amtlich; der Hofbesitzer selbst aber ´nennt sich nach uralter Sitte einfach und kurzweg mit seinem Vornamen (Gotte, Johann), und nur, wenn eine genaue Bezeichnung sein soll, fügt er den Wohnsitz hinzu (Johann in dem Bangerde), also keinen Nachnamen, sondern nur den Vornamen nebst Wohnsitzbezeichnung. Johann Edinchusen von Sudeck wäre zu unbestimmt: denn wo wohnt er da? Aber wenn da steht: Johann in dem Bangerde zu Sudeck, dann weß man genau, wer das ist und wo er zu finden ist.
(Edinchusen oder Eidinghausen ist eine längst untergegangene Ortschaft nordöstlich von Korbach. Barnhagen sagt: "Man glaubt, es sei ein Edelhof gewesen." 1666 war es schon Wüstung, vielleicht schon sehr lange vorher. Die Flurnamen "Eidinghausen", "Eidinghäuser Feldchen", "Auf dem Eidinghäuser Berge", "Am Eidinghäuser Wege", erinnern noch heute an den einstigen Wohnplatz. Der Sudecker Familiennamme Edinchusen ist also auch wieder ein Ortsname.
Es könnte sein, daß Gotte (oder seine Vorfahren schon) nach ihrem Herkunftsort ihren Familiennamen erhielten -- der Gotte von oder aus Edinchusen --, ihn auch eine Zeitlang in Sudeck behielten. Wer Sinn für Waldecks untergegangene Wohnplätze hat, dem empfehle ich dringend das sehr billige Buch (288 Seiten, nur 1,50 Reichsmark): "Die untergegangenen Ortschaften oder Die Wüstungen in Waldeck" von H. Höhle, Lehrer in Herbsen.
Das Buch gibt über 212 Wüstungen sorgfältig erarbeitetes Material (das heutige Waldeck hat 111 Orte) und ist zu haben bei Wilhelm Bing, Buchdruckerei und Verlag in Korbach.
Schreibweisen in den Kirchenbüchern
Zusätzlich sei erwähnt, daß der Name Bangert in den Kirchenbüchern, besonders in den für uns so wichtigen Adorfer Sprengels, von Anfang an und fast ausnahmslos in der noch heute üblichen Form auftritt. Nur zweimal, wenn ich recht erinnere, findet sich in Adorf die flüchtige Schreibung Bange, wo Bangert stehen muß. Es gibt auch in Waldeck (Hehringhausen) und Umgegend (Medebach) eine Reihe Familien namens Bange.
Ich bin überzeugt, daß diese Gruppe ursprünglich auch Bangert geheißen hat, aber durch flüchtige Kirchenbuchführung oder auch durch undeutliche Aussprache bei Anmeldungen in alter Zeit zu dem Namen Bange gekommen ist. Es führt zu weit, hierüber viel zu sagen. Aber die Müllerfamilie Bange in Heringhausen, die in alter Zeit bei Bangerts im Adorfer Bezirk Pate steht, was auf Verwandschaft (auch im Mannesstamme) schließen läßt, tritt im Adorfer Kirchenbuch mehrfach als Bangert auf.
Und die Müllerfamilie Bange auf der Kappensteiner Mühle bei Adorf hat 1656 und 1657 im Konfirmationsverzeichnis plötzlich zwei Töchter namens Bangert.

